von Burkhard Straßmann
Polofahrer grüßen einander nie. Omegafahrer
grüßen einander nie. Doch fahren zwei Alfa-Romeo-Fahrer
aneinander vorbei, heben sie auffallend lässig
einen Finger der linken Hand. Wer eine "Ente"
fährt, grüßt andere Entenfahrer, indem er
aufgeregt mit der Frischluftklappe wackelt.
Selbst Lkw-Fahrer kleben sich manchmal eine
hin und her pendelnde rote Plastikhand an
die Windschutzscheibe. Wer sich im Autoverkehr
als exquisite Minderheit empfindet, grüßt
die Angehörigen seiner exquisiten Minderheit.
Die höchstentwickelte Grußkultur aber findet
man unter Motorradfahrern.
Die Ursprünge des Motorradgrußes reichen
bis in die Steinzeit zurück. Motorradfahrer
waren damals außerordentlich rar. Es gab
kaum befestigte Straßen, und die Räder waren
noch aus Stein. Nur ganz harte Kerle vertrugen
die Strapazen des Motorradfahrens. Begegneten
sich zwei dieser Kerle, hielten sie an, stiegen
ab und zeigten einander die geöffneten Hände,
um zu demonstrieren, daß sich kein Faustkeil
darin verbarg. So wurde der Motorradgruß
erfunden.
Unter ähnlich harten Bedingungen sind heute
nur noch die Winterfahrer unterwegs. Motorradfahrer
sind entweder Winterfahrer oder Weicheier.
Weicheier trifft man im April im Straßenverkehrsamt
an, wo sie ihre stillgelegten Maschinen wieder
anmelden. Winterfahrer dagegen fahren durch.
Ihre Zahl ist klein. Treffen sich zwei Winterfahrer,
ist die Freude groß. Sie heben dann so freudig
und ausgiebig die Hände, daß sie vom Motorrad
zu stürzen drohen. Von April an grüßen Winterfahrer
nicht mehr. Winterfahrer grüßen keine Weicheier.
Das Motorradgrüßen ist stark reglementiert
und wird von Anfängern zu Recht als sehr
kompliziert angesehen. Es ist umlagert von
allerlei Ge- und Verboten. Das bekannteste
Verbot lautet: Grüße nie, nie!, ein Einspurfahrzeug,
das weniger als hundert Kubikzentimeter Hubraum
hat. So etwas ist kein Motorrad!
Wer fahrlässig Motorroller, Mofas, Mokicks,
Kleinkrafträder oder Leichtkrafträder grüßt,
verliert sein Gesicht und insbesondere jegliche
Selbstachtung. Da dem Anfänger alles, was
zwei Räder und einen Motor hat, von vorn
betrachtet, ähnlich vorkommt, bereitet ihm
dieses Verbot die größten Schwierigkeiten.
Ein Spezialfall: Oldtimer. Oldtimer werden
grundsätzlich freudig und bewundernd gegrüßt,
unabhängig vom Hubraum. Oldtimer werden meist
von technisch versierten älteren Fahrern
gefahren, sogenannten "alten Schraubern".
Solchen wird Respekt gezollt.
Trifft man alte Schrauber, wartet man, ob
sie grüßen. Von Frühling bis Herbst grüßen
viele nicht, weil sie Winterfahrer sind.
Weil das korrekte Grüßen so schwer ist, sollten
Anfänger nie voreilig von sich aus grüßen.
Ungeregelt und darum praktisch nicht existent
ist die Motorradgrußkultur auf der Autobahn.
Nicht einmal erfahrene Motorradfahrer können
sagen, ob man entgegenkommende Motorräder
über sechs Spuren und einen Grünstreifen
hinweg grüßen muß. Fahrtechnisch problematisch
wird das Grüßen beim Überholen. Die klassische
Grußhand, die Linke, wird vom Überholten
nicht gesehen. Grüßt man mit der Rechten
und nimmt dazu die Hand vom Gasgriff, bremst
die Maschine ab. Einfach fatal beim Überholen.
Absurde Verrenkungen sind auf unseren Autobahnen
zu beobachten, wenn Motorradfahrer versuchen,
mit der Linken vorn am Körper vorbei nach
rechts zu grüßen. Uneingeweihte Autofahrer
tippen auf Heuschreckenschwärme oder Unterarmkrampf.
Der Autobahngruß ist eben gerade mal so jung
wie die Autobahn und kennt kaum Traditionslinien.
Zu Konflikten kommt es auch, wenn man den
deutschen Grußkulturraum verläßt. So sind
deutsche Motorradfahrer in Italien verwirrt
und erbost, weil dort partout niemand gegrüßt
wird. Nicht einmal ein alter Schrauber. Die
Erklärung: Der "italienische Gruß"
besteht in einem für unser Auge nicht wahrnehmbaren
Zucken des linken kleinen Fingers. Solche
Mißverständnisse führen zu dem Vorurteil,
italienische Motorradfahrer seien unfreundlich
und arrogant. Ein Desiderat der Grußkulturforschung!
In Deutschland gilt das minimalistische "italienische
Grüßen" als verpönt. Man verachtet das
furchtsame Festhalten am Lenker. Diese Haltung
ist nicht unproblematisch. Wenn man beim
Auto die Hand vom Lenkrad nimmt, fährt es
geradeaus weiter. Läßt der Motorradfahrer
den Lenker los, fällt die Maschine über kurz
oder lang um. Besonders in Kurven. Ganz besonders
beim sogenannten "Heizen", dem
enorm schnellen Fahren. Der "Heizergruß"
in extremer Schräglage (ein Knie berührt
den Asphalt) gilt als sehr riskant. Er wird
allgemein als Nachweis hoher Fahrkunst angesehen.
Wer diese Kunst nicht beherrscht und dennoch
ausübt, riskiert seinen letzten, den sogenannten
"goldenen Gruß".
(C) DIE ZEIT Nr.31 vom 26.Juli 1996